Stufengedicht von Hermann Hesse

Ich war am Sonntag in der Kirche und in der Predigt verwandte der Pfarrer ein schönes Zitat von Hermann Hesse. Leider konnte ich es zuhause im Internet nicht finden – bis mir auf Anfrage mitgeteilt wurde dass es sich gar nicht um ein einzelnes Zitat, sondern um einen Teil des Stufengedichts von Hermann Hesse handelte.

Ich finde das Gedicht sehr treffend und möchte es hier für euch aufschreiben: 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and’re, neue Bindungen sich zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

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